Farbe als Aggressor




Die Realität ist bitter: Wieder einmal schwimmt ein Ölfilm von der Größe Sachsens im Meer, Ölplattformen taumeln ankerlos vor der Golfküste von Mexiko. Zwar ist ein Hurrikan verantwortlich für die Ölpest, doch lässt sich die Frage nach der menschlichen Mitschuld nicht von der Hand weisen. Mit einem zynischen „wir sind schuldig“ donnern Jochen Schambecks monströse Farbexplosionen dem Betrachter ihre Wahrheit um die Ohren und reißen ihn mit in eine Welt brachialer Katastrophen, in denen Farbe zum Aggressor wird.

Der Künstler bezieht mit dem verschwenderischen Farbgestus Stellung gegen eine gedankenlose Umweltpolitik: „Oil on troubled waters“ verheißt bissige Ironie, die Schambeck mit exzessiver Radikalität im Malakt einlöst.

Von einer Ladung Farbdosen tief in die Gischt gedrückt, droht ein Dampfer im Meer zu versinken. Doch das schlimmere Unglück passiert still, allerdings nicht ohne ästhetischen Reiz: Die Dosen platzen auf und heraus quillt Ölfarbe in allen Nuancen des Regenbogens, schwappt über Bord und legt sich als kunterbunter Teppich aufs Wasserbett. „Well oiled“ – gut geschmiert – kommentiert der Künstler seine Pigment-Ölpest, die im Betrachter einen Gefühlsmix aus Entsetzen und Belustigung auslöst.

Doch nicht allein die Motive seiner Malerei – sinkende Tanker, brennende Fabriken und Fässer, aus denen giftige Brühe kleckert – wirken bedrohlich. Es ist Schambecks radikale Art des Malens, die jedes seiner Bildreliefs zum Schockerlebnis macht. Da wölbt sich Farbe, zu zermanschten Hügeln getürmt und mit bloßen Fingern zerwühlt, faustdick aus dem Bild. Man spürt des Künstlers Spaß am Sinnlichen im Umgang mit der Ölfarbe.

Doch bricht sich auch Aggressivität Bahn, die im Wühlen der Farbe wie im Motiv der Katastrophen ein kreatives Ventil gefunden hat. Schaffen und Zerstören, Freude und Verzweiflung sind die Pole, die Schambeck in Farbwucht umsetzt. Während sich im Nahblick die Motive im Geschliere auflösen, rotten sich die Farbhaufen, von Weitem betrachtet, zu anschwellenden Konturen zusammen.

Die Ambivalenz aus figurativem Motiv und dessen abstrakter Auflösung im Akt des Malens äußert sich besonders in den Blumenbildern. Aufreizende Farberosionen springen dem Betrachter entgegen, die öligen Hügel formen sich zu Blüten aus bizarr getürmter Farbe. Schambecks Malerei juckt die Sinne. Das multipliziert ihre Wirkung auf die Emotion, die einem Schaudern und Irritation, ästhetische Wollust und Belustigung über die Haut jagt.



Anja Trieschmann


Darmstädter Echo, 29.September 2005



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