| Malen am Ende Als der Philosoph und Medientheoretiker Vilem Flusser 1991 sein Heimatland Tschechien erstmals nach dem Ende des Kalten Krieges wieder bereisen wollte, verunglückte er bei einem Autounfall nahe der Grenze tödlich. In der Frankfurter Rundschau erschien ein Nachruf auf Flusser, in dem sein Lebensende im Unfall gewertet wurde als ein endgültiger Aufprall (des kritischen Denkers des Virtuellen) auf die Realität. Der Science-Fiction-Autor James Graham Ballard, 1930 in Shanghai geboren und seit 1946 in England lebend, schreibt im Vorwort seines "ersten pornographischen Romans des zwanzigsten Jahrhunderts" - "Crash" (1973): "Die bedeutendste Tatsache des zwanzigsten Jahrhunderts ist das Konzept der unbegrenzten Möglichkeiten. ... Wir leben in einer von Fiktionen aller Art beherrschten Welt ... Wir selbst leben in einem voluminösen Roman. Besonders für den Schriftsteller ist es immer weniger nötig, den fiktiven Inhalt seines Romans zu ersinnen. Die Fiktion ist bereits vorhanden. Aufgabe des Schriftstellers ist es, die Realität zu erfinden. Die besonnenste und effektivste Methode, sich mit der Welt um uns herum auseinander zu setzen, besteht in der Annahme, dass ... das letzte Restchen der Realität, das uns noch bleibt, sich im Inneren unserer Köpfe befindet." Ballard nannte das Terrain, das er selbst in vielen Erzählungen und Büchern bearbeitete (die Jochen Schambeck mir Vorliebe gelesen hat), den "inner space", "wo die Innenwelt des Verstandes und die Außenwelt der Realität einander begegnen und aufeinander einwirken." Jochen Schambeck erfindet Bilder. Er ist Maler, d.h. er steht zunächst und immer wieder mit den Farben und einem leeren Bildträger im Atelier. Die Realität, die seine Bilder finden sollen, ist durch keine konkrete Referenz im Realen vorgegeben (wie etwa bei der Fotografie). "Das gemalte Bild eines untergehenden Öltankers ist weniger ein gesellschaftskritisches Abbild einer erschreckenden Umweltkatastrophe, sondern vielmehr Ausdruck eines Gefühlszustandes und Abbild eines Malaktes bzw. Zeugnis eines hemmungslosen Umgangs mit Ölfarbe, was auch der doppeldeutige Bildtitel "Well-Oiled" (übersetzt: gut geölt, gut getankt, betrunken, abgefüllt) verdeutlicht", schreibt Jochen Schambeck. Das Öl schmiert die Tanker, bindet die Pigmente. Ob es den Maler vor dem Ertrinken rettet oder ihn in die Trunksucht treibt, bleibt das listige Geheimnis seines Spiels zwischen Fiktion und Realität - das Geheimnis einer Malerei, die ihre ölige Substanz materiell, thematisch und metaphorisch als Treibstoff einsetzt. Jochen Schambeck malt mit den Händen, nur manchmal greift er zum Spachtel. Die Formate seiner Bilder sind nicht sehr groß, so wie Blumenbuketts. In den Tankerbildern holt er weiter aus, die Fläche muss eine Geschichte entfalten können. So wie sie sich abgrenzt von dem, was nicht Bild ist, holt sie dieses Reale aber auch wieder ins Bild hinein. Mallappen und Öldosen realisieren im Bild den Kurzschluss zwischen Material und Repräsentation, zwischen Wertvollem und Wertlosem, Verführung und Verwerfung, Ausblendung und Belichtung. Der Crash ist im Bild, materialiter. Die zähe Substanz der Ölfarbe verschlingt alles, bindet Gegenstände ein und löst sie auf. Der Tanker, die Fässer, die Gischt - alles trunken von Öl. Was repräsentiert diese Malerei? Allmachts- und Ohnmachtsphantasien? Des Malers? Der Malerei? Schambecks Bilder sind dramatisch - und manchmal auch komisch, in der stummen Selbstreferenz der blühenden Grabkissen ("Grow Out"), zu denen man Abstand hält, wie in den filmischen Szenarien der Tanker-Havarien, in die man "einsteigt" wie in eine Geschichte. Etwas verselbständigt sich in dieser Malerei wie in einem Alptraum, befreiend und bedrohlich. Schiffe und Tanker überqueren in unserer Welt die Wasser, Automobile die Landstraßen und Autobahnen, Flugzeuge die Lüfte. Allesamt dienen Schambeck als Metaphern für den uralten Wunsch des Menschen, Raum und Zeit zu überwinden, den eigenen Körper unabhängig von den eigenen Körperkräften zu bewegen, schnell (und) ewig zu werden. Mit den digitalen Technologien können die Körper weiter vernachlässigt werden. Die Informationen reisen, wir bleiben in der Gegenwart. Malerei ist immer das Werk verkörperter Vergangenheit, die individuell neu beseelt werden will. Wo so viel Gegenwart ist, wird wieder und wieder das Ende der Malerei proklamiert. Jochen Schambeck nimmt sich dieses Ende vor, als Szenario (... das Ende der Träume, das Ende der Fiktionen, das Ende des Films, das Ende des Lebens: "Du bleibst uns unvergessen"), listig, als ein Projekt für die Zukunft: der "inner space", malerisch besehen, selbstreflexiv, "well-oiled". Angelika Stepken (Auszug aus dem Katalogtext zur Ausstellung: "well-oiled" im Badischen Kunstverein Karlsruhe, 2002) |