Farbe im Überfluss
Jochen Schambeck, der sich immer schon zum Medium Bild und zur Malerei hingezogen fühlte, hat mit seinen Gemälden eine bewusste Setzung zum vieldiskutierten „Ende der Malerei“ vollzogen. Sie sind ein antithesenartiger Ausdruck, ein Statement zu einer in Kunstkreisen geführten Diskussion um die Vorherrschaft der Fotografie gegenüber der Malerei. Während einer Phase Ende der 1990er Jahre hat die Fotografie und Medienkunst in der Tat auf dem Kunstmarkt die Malerei in den Hintergrund gedrängt, wenngleich in den Ateliers weiter gemalt wurde. Vom Untergang, vom Tod und Ende der Malerei war die Rede. In dieser Zeit riet man dem Künstler Schambeck, auf ebensolche aktuellen Ausdrucksformen zurückzugreifen. Doch er trotzte und widersetzte sich diesem Rat, wappnete sich mit einer großen Anzahl an Öltuben und Ölfarbdosen und malte Bilder, die die totgesagte Malerei – und ihr primäres Medium, die Farbe – selbst zum Thema machen und diese im Überfluss darstellen. So erscheint seine Ölmalerei wie der darin dargestellte Öltanker: überladen und voll. Der Öltanker wird so zu einem Sinnbild für die Ölmalerei, der, auch wenn er untergeht, seine Farbladung hinterlässt, aus der wiederum Neues entsteht.
Und so kehren sich die scheinbaren Schreckenszenarien in den Gemälden von Schambeck um in ihr Gegenteil: Aus der Katastrophe auslaufender Farbdosen ist nicht das Ende der Malerei zu erwarten, sondern es entsteht die Malerei, und ein scheinbar ungebändigter Farbfluss kann sie nicht mehr aufhalten. Aus dem Farbfluss wiederum entsteht die Malerei, das gemalte Bild - der Farbfluss ist die Malerei…
Hier wird ein orgiastisches Farbfest gefeiert, das dem „Ende der Malerei“ bis zum Exzess trotzen will. Farbe wird dabei nicht als Mittel zum Zweck einer Darstellung verwendet, sondern die Farbe wird zum Thema gemacht.
Die körperliche Bewegung und der innere wie auch physische Kraftakt führten zu einer „Farbmaterienschlacht“ (Schambeck), die wiederum Gefühle freisetzte und innere Anspannungen löste. „Oil on troubled waters“ (Öl in die Wogen kippen, die Wogen glätten) heißt für Schambeck, seine innere Unruhe durch den Malprozess „in den Griff zu bekommen“. Und der trouble, so schrieb er über sich selbst, „scheint seine Inspiration für viele seiner Bilder zu sein.“
Bei allen Versuchen, Jochen Schambeck kunsthistorisch zu verorten, wird man aufspannende Begegnungen und Dialoge stoßen. Aber sicher wird man keinen Künstler finden, der genauso malt wie Schambeck. Seine „emotionsgeladene Malerei“ ist kaum von seiner Person zu trennen.
Ulrike Lehmann
(Auszug aus dem Katalogtext "oil on troubled waters", 2005)
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© Ulrike Lehmann, 2005
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