Jochen Schambecks "Katastrophenbilder" sind sicher mehr als moderne Votivtafeln. Die Bezüge zu diesen christlichen Bitt- oder Dankzeichen, die von Gläubigen quasi als gemalte Briefe zum Himmel in Kirchen angebracht werden um die Hilfe von Heiligen zu erbitten oder ihnen für erwiesene Hilfe zu danken, sind jedoch ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis seiner Gemälde. Die religiösen Tafeln, oft unter dem Motto "Maria hat geholfen", zeigen etwa das geheilte Körperteil, manchmal auch Szenen eines Unfalls oder einer gefährlichen Situation.

Jochen Schambecks Bildideen gehen teilweise von Fotocollagen, manchmal auch von einzelnen Dokumentarfotos aus. Es entstehen Bilder mit platzenden oder brennenden Autoreifen, brennenden oder abgesprengten Flugzeugtriebwerken und untergehenden oder brennenden Öltankern. Manche der Katastrophen haben sich so oder ähnlich tatsächlich ereignet. In den Medien wurde fotografisch davon berichtet. Der Künstler scheint sich aber nicht nur dafür bedanken zu wollen, dass er von der Katastrophe persönlich vielleicht verschont blieb. Er will auch nicht nur durch seine Darstellung des Unglücks ein reales Eintreten für die Zukunft von sich abwenden. Oft wird das Geschehen aus einer eigentlich unmöglichen Perspektive gezeigt. Die abgesprengte, niederstürzende Flugzeugturbine, das wegkatapultierte Reh im grellen Autoscheinwerferlicht, ein Reifenfetzen der den sich überschlagenden Wagen im Hintergrund scheinbar umfängt, ein umherfliegender Auspuff. Als Betrachter stehen wir immer mitten im Geschehen, sind davon im wahrsten Sinne eigentlich bildlich betroffen, anders als von vielen Zeitungsmeldungen.

Auch die amerikanische Freiheitsstatue mit ihrer brennenden Fackel wird zu den Katastrophenbildern gezählt. Das Bild mit dem Titel "Liberty" lässt vielleicht speziell auch an die brennenden Ölquellen zur Zeit des Golfkriegs denken.

Die Gemälde sind alle ohne Pinsel, nur mit den Fingern und manchmal einem Spachtel als einzigem Werkzeug aufgebaut. Maltechnische Utensilien, wie Öldosen und Mallappen werden in die pastosen Farbmassen mit eingefügt. Im Falle des untergehenden Öltankers spielt dieses absichtsvolle Collagieren mit bildverwandten Objekten auch auf die eigene Technik, die manchmal nahezu maßlose Verarbeitung von Ölfarben im Bild an. Wie bei einem schwimmenden Ölteppich bleibt nur die oberste Schicht sichtbar. Die dicke, zähe Masse darunter ist das eigentliche Zeugnis der Katastrophe bzw. ihrer malerischen Bannung. In dem fast reliefartigen Farbauftrag ist hier manchmal schon ein Übergang von der Malerei zur Plastik angedeutet.



Jörg Katerndahl


(Auszug aus der Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Malerei: Wirklichkeit des Fragments", Kunstverein Villa Streccius, 27.4.2001)


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