Oil on troubled waters



Seit Jahrhunderten ist Malerei der Fläche verhaftet. Allerdings öffnet sich hinter ihrer Oberfläche, so kennen wir das, ein weites Feld imaginärer Räumlichkeit. Der Blick schweift in lichte Fernen, senkt sich in düstere Abgründe. Später hat die Malerei die Fläche (wieder)entdeckt, sich zu ihr bekannt. Noch später öffnete sie sich dem realen Raum, wucherte, quoll aus dem Rahmen, eroberte, durchaus im Wortsinn, neue Räume, auch im Kampf gegen einen mittlerweile in beängstigendem Maße die Wahrnehmung kontaminierenden Kult der Oberfläche.

Jochen Schambeck ist nicht der erste, der sich auf diesen Weg begab, dennoch ist sein Schaffen in seiner Radikalität einzigartig. Er greift in die Vollen, zieht alle Register einer flutenden, strudelnden, eruptiven Malerei, die wie ein Lavastrom alles mitnimmt, was sich ihr in den Weg stellt, nicht zuletzt die Dosen, aus denen sie quillt. Malerei wird Materie, Sichtbares wird fühlbar. Auch der Geruchssinn wird angesprochen, denn "Treibstoff" dieser explosiven Malerei ist das Öl. Öl, welcher Art auch immer, ist Energieträger par excellence. Was wären wir ohne die im Gestein konservierte Energie der Millionen von Lebewesen, die Millionen von Jahren vor uns gelebt haben? Doch Öl entsteht auch immer wieder neu - blühende, duftende Rapsfelder sorgen in diesen Tagen für Nachschub. 

Mit Öl werden Speisen zubereitet, Maschinen geschmiert, Motoren gefüttert, Könige und Priester gesalbt. Millionen von Sonnenanbetern salben sich Tag für Tag mit dem Öl messianischer Schönheitsverheißung. Öllämpchen an Allerseelen - die ersten Arbeiten von Jochen Schambeck, die ich kennen lernte, erinnerten an die Porzellangestecke künstlicher Blumen auf französischen Friedhöfen. Dabei ist nichts an diesen Farbbatzen Nachahmung. Analog zur Natur blüht die gequirlte Farbe.

Öl ist Macht, Energie, Schönheit. Doch Öl ist nicht Öl. Ein Ölmaler ist kein Ölscheich. Öl ist ambivalent. Ein öliges Lächeln wirkt unsympathisch. Öl hat schon der barmherzige Samariter als erste Hilfe in die Wunden des überfallenen Wanderers gegossen. Öl auf tosende Wogen geschüttet, glättet, heilt, beruhigt. Doch Öl im Wasser kann auch die Pest sein - Ölpest, Vogelgefieder verklebend, Umwelt verschmutzend. Öl ins Wasser? Beruhigend? Schambecks Malerei lässt sich auch mit dem Gedanken verbinden, dass hier einer Öl ins Feuer einer nun mächtig aufflammenden Malerei kippt.



Hans Gercke


(Auszug aus dem Katalogtext: "oil on troubled waters", 2005)


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