Ein Blumenmeer
Schambecks Blicke von oben
Jochen Schambecks Bilder, die Blüten zum Gegenstand haben, lassen
sich unbedenklich als Blumenbilder bezeichnen. Er hat jedoch für
diese noch nicht abgeschlossene Gattung einen besonderen Übernamen.
Sie heißen, in welchen Formaten auch immer, Grow
Out, und das bedeutet so viel wie entwachsen und erwachsen. Nach Schambeck
haben sie einen votivbildähnlichen Charakter und eine schillernd
bunte Farbigkeit. Im kleinen Format der Abbildungen erinnern sie an französischen
Grabschmuck, den pompe funèbre, aber auch an üppige Produkte
aus einer Confiserie.
Von einem Blumenmeer spricht der Titel, und von einem Meer von Blumen
ist immer dann die Rede, wenn die Beschreibung eines Anblicks vieler,
ungezählter Blumen einen emotionalen Ausdruck erhalten soll. Der Beobachter
zeigt sich überwältigt. Bei Hochzeiten und Begräbnissen wird die Metapher
bevorzugt verwendet. Das Zusammentragen und Niederlegen von Blumen an
bestimmten Orten des Gedenkens hat sich heute zum Ritus einer öffentlichen
Geste ausgewachsen.
Der Einzelgänger Schambeck nimmt daran auf andere, sehr eigentümliche
Weise teil. Auch er legt seine Blumen nieder. So wie er sie malt: mit
den Händen, mit den Fingern auf einem Bildträger aus Sperrholz. Eine Staffelei
findet man nicht in seinem Atelier. Die Ölfarben kommen direkt aus der
Tube, und schon beginnt mit ihrer Anordnung und Verteilung der Bildaufbau.
Immer höher und kräftiger entwickelt sich das Relief. Die Oberfläche vergrößert
sich auf bizarre Weise. Das Bild wächst sich aus und nimmt buchstäblich
Gestalt an. Es bildet seinen eigenen Hügel.
Aber treten nun Blumen, gar Blumensträuße hervor? Keineswegs, denn mit
der Annäherung an eine nachfühlbare reale Plastizität verliert das blumenartige
Motiv seine gerade noch erwartete Eindeutigkeit, seine Bestimmbarkeit.
Es kommt dem Betrachter gewissermaßen höchstmöglich entgegen, um am Scheitelpunkt
seiner Realisation wieder unterzutauchen in die Anonymität des größeren
Zusammenhangs, für den der Begriff des Blumenmeeres steht. Im selben Maß,
wie Schambeck seine Bilder sich auswachsen lässt, entwachsen sie ihm.
Der handgreifliche Prozess der Bildherstellung weist diese beiden, sich
ebenso bedingenden wie einander ausschließenden Richtungen auf.
Well-Oiled heißen die meist
großformatigen Tanker-Bilder und umreißen mehrdeutig sowohl ihre Technik
als auch das angeschlagene Thema. Um Öl dreht es sich in beiden Fällen,
hintergründig und vordergründig, und mit ebensoviel Recht kann Schambeck
von Ölblumenbildern sprechen wie von Öltonnen, die sich als Öldosen von
den havarierten Schiffen gelöst haben und im aufgewühlten Ölmeer schwimmen.
Die Übergänge sind fließend. Blumen mutieren zu Kanistern und machen Tankern
Platz. Das Medium ist das Öl, in der Farbe, auf den Pflanzen und auf der
See.
Der Blick von oben ist der bestimmende Blick. Er entspricht auch dem Sachverhalt,
denn nicht an der Wand, sondern auf dem Boden werden die meisten Bilder
gemalt. So sieht Schambeck auch auf die frischen blumenbeladenen Gräber
zu seinen Füßen. Er sieht von oben in die glühenden Schornsteine der Tanker
und aus schon beträchtlicher Höhe auf die brennende Fackel der Freiheitsstatue
in New York. Es sind in vielen Fällen Katastrophenblicke, wie sie in Träumen
und in der Angst vorkommen.
Seinem selbstgewählten imaginären Standort hat Schambeck bei Gelegenheit
einen vielsagenden Ausdruck verliehen. Ein kleines Bild aus dem Jahr 2000
handelt davon. Es zeigt eine riesige Sturzwelle, die sich bis zum oberen
Bildrand und über dessen ganze Breite aufrichtet. Im nächsten Augenblick
wird sie den schmalen Sandstreifen des Ufers unter sich verschlingen.
Ein junger Motorradfahrer rast über den Strand und versucht der Gefahr
zu entkommen. Hier ist der votivbildähnliche Charakter mit Händen zu greifen.
Schambeck ist Maler und kein Motorradfahrer. Sein Albtraumbild hat den
Titel Wave. Seine Rettung ist, dass er malt und nicht flieht.
Klaus Gallwitz
(Auszug aus dem Katalogtext zur Ausstellung: "well-oiled"
im Badischen Kunstverein Karlsruhe, 2002)
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