mix up Seit einigen Jahren entwickelte der an sich bereits zunehmend pastose Farbauftrag, der zunächst noch gegenständlichen Gemälde der „Wellenbilder“ oder „Öltankerbilder“, einen immer stärkeren Eigenwert. Der Gegenstand verschwand, zurück blieb die reine Farbe. Farbe, die nun nicht mehr Malmittel war, sondern zum Ausgangspunkt skulpturaler, also geformter Farbgebilde wurde. Schambeck sprengte die Gattungsgrenzen zwischen Malerei und Skulptur. Bereits in der letzten Ausstellung in der GALERIE Supper unter dem Titel „make up“ zeigte sich der völlig neuartige Umgang des Künstlers mit der Farbe. Seit damals hat sich seine Arbeit folgerichtig weiterentwickelt. Neu ist das vermehrte Einbeziehen von so genannten Ateliermaterialien. Was sich zunächst spielerisch, experimentell anließ, wurde für den Künstler inzwischen zu einem wichtigen gestalterischen Merkmal. Ausgedrückte Farbtuben, leere Farbeimer, zusammengeklappte Deckel oder auch Reste einer Plastikflasche wurden zu einem festen Bestandteil der Farbreliefs. Hier verstärkt sich auch der experimentelle Charakter. Zufällige Fundstücke werden zum Ausgangspunkt des gestalterischen Vorgangs. Alltägliche Gegenstände, wie sie tausendfach in allen Künstlerateliers vorkommen, werden, anstatt als Abfall entsorgt, zum Auslöser kreativer Prozesse und zu einem Teil des Kunstwerks. Dabei verleihen sie den Werken nicht nur ein neuartiges Moment der Festigkeit, der Materialität und Plastizität, sie offenbaren auch manchmal eine fast poetische Schönheit; wie beispielsweise eine Abdeckung aus Alufolie oder ein zerknülltes Stanniolpapier mit leicht metallisch-silbernem Glanz. Darauf erhaltene, vielleicht zufällige Farbreste changieren von opak bis zu hauchzarter Transparenz. Ein weiteres zentrales Material bilden die zu Schlingenbündeln verdichteten, unterschiedlichen Schnüre und Riemen, die in allen jüngst entstandenen Arbeiten eine große Rolle spielen. Sie sind ein neues, lineares Element in der Bildsprache des Künstlers. Starr, getränkt durch Farbe, voll gesogen oder nur teilweise gefärbt durch verkrustete Farbreste, werden sie zum auflockernden, raumgreifenden Bestandteil der ansonsten eher kompakten Farbhaufen. Insgesamt liegt bei aller Wucht der Farbkraft, die Schambecks Arbeiten auf den ersten Blick so überwältigend erscheinen lassen, ein großer Teil der Schönheit im Detail, wie es die nur bis zu einem gewissen Grad steuerbaren Formen oder die Verlaufsspuren der Farbberge zeigen. Die zuweilen stark kontrastierenden Farbschlieren, möglicherweise mit den Fingern erzeugt, sowie die Leuchtkraft und Brillanz des geformten Materials Ölfarbe lassen eine Fülle an bestechenden Eindrücken entstehen. Aus der Serie „lucky choice“ sind eine Reihe von Arbeiten auf Holz zu sehen, bei denen die Ecken des quadratischen Bildträgers frei bleiben. Die eigentliche Farb-Formkomposition konzentriert sich auf eine annähernd runde Partie im Zentrum. Im Gegensatz zu den überquellenden, eher eruptiven Farbgebilden der „mix up“ Serie, erreicht Schambeck hierdurch eine Beruhigung bei gleichzeitig noch gesteigerter Verdichtung der Farbwirbel. Seine Formen sind an sich rein abstrakt, Assoziationen zu Blüten entstehen lediglich im Auge des Betrachters. Auch wenn Jochen Schambeck die Farbe gegen jede Konvention zum Ausgangspunkt eines plastischen Gestaltungsprozesses macht, bestechen seine Oberflächen dennoch durch ihre malerische Qualität.
Regina M.Fischer |